Wie Schule Haltungen formatiert
Schulentwicklung bringt mehr vom Selben hervor. Diese Seite zeigt, warum, und was sich verändert, wenn eine Gemeinschaft Lernen anders organisiert.
Eine Haltung ist kein Vorsatz, den eine Person fassen oder fallen lassen kann. Sie wächst aus den Aufgaben, die der Ort stellt, an dem jemand arbeitet.
Seit über hundert Jahren reformiert sich die Schule. Jede Reformgeneration verspricht, das Lernen der Kinder in den Mittelpunkt zu stellen. Kaum verändert hat sich dabei die Ordnung, in der all das stattfindet: Jahrgangsklassen, Fächer, Lektionen, Stundenplan, Noten, Prüfungen, Selektion, Anwesenheitspflicht und die beiden Rollen Lehrperson und Schülerin. Die Bildungshistoriker David Tyack und Larry Cuban nennen diese Ordnung die «Grammatik der Schule». Sie hat alle Reformen überdauert, weil jede Reform innerhalb dieser Grammatik stattfindet. Schulentwicklung bewegt sich in dem Rahmen, den die Grammatik zulässt, und bringt deshalb mehr vom Selben hervor.
Entstanden ist diese Grammatik für bestimmte Aufgaben: viele Kinder gleichzeitig zu unterrichten, Wissen zu vereinheitlichen, Verhalten berechenbar zu machen und Übergänge zu sortieren. Die Schule garantiert Eltern, Behörden und den nachfolgenden Schulen, dass gelernt wurde und wer wohin weitergehen kann. Lernen herstellen kann sie aber nicht. Niklas Luhmann nennt diese Lücke das Technologiedefizit der Erziehung. Mit Technik im heutigen Sinn, mit Digitalisierung oder künstlicher Intelligenz, hat der Begriff nichts zu tun: Gemeint ist, dass kein Verfahren Lernen verlässlich bewirkt, weil sich von aussen nicht herstellen lässt, was im Kopf eines Menschen geschieht. Die Schule überbrückt sie, indem sie das Lehren als sichtbare Leistung an die Stelle des unsichtbaren Lernens setzt. Selbstbestimmtes Lernen kommt in dieser Ordnung als Leitbild vor, als Funktion kommt es nicht vor.
Die Grammatik ordnet aber nicht nur Abläufe, sie wirkt in die Menschen hinein. Wer täglich Lektionen hält, Noten setzt und eine Gruppe zusammenhält, die nicht freiwillig da ist, tut das zunächst, weil es verlangt wird. Wiederholung macht daraus eine Routine. Die Routine braucht eine Begründung, und die Begründung verfestigt sich zur Haltung. Michel Foucault nennt ein Gefüge, das die Menschen hervorbringt, die in ihm handeln, ein Dispositiv. Pierre Bourdieu nennt die verkörperte Haltung, die daraus entsteht, Habitus. Geprägt werden davon nicht nur Lehrpersonen. Wer als Kind rund 13'000 Stunden lang Lehrpersonen bei der Arbeit zugesehen hat, trägt diese Haltung ebenfalls in sich. Der Soziologe Dan Lortie nennt das eine Lehre durch Zuschauen. Das ist der Lehrer in uns. Wer Schülerin oder Schüler war, hat dabei zugleich gelernt, dass für das eigene Lernen andere zuständig sind. Das ist der Schüler in uns. Beide entstehen im selben Dispositiv und stützen einander.
Darin liegt der Grund, warum Reformen ins Leere laufen, die bei der Haltung ansetzen. Sie verlangen von Lehrpersonen mehr Vertrauen, mehr Zurückhaltung, mehr Begleitung. Am nächsten Morgen stellt die Grammatik ihnen dieselben Aufgaben: die Lektion füllen, die Gruppe zusammenhalten, die Note setzen. Eine Lehrperson kann sich vornehmen, weniger zu lenken, und muss es doch tun, weil sonst der Unterricht zusammenbricht. So übersetzt dieselbe Ordnung, die die alte Haltung hervorgebracht hat, auch die neue Haltung in Unterricht zurück. Zudem tritt die alte Haltung als Tugend auf, als Fürsorge, Gerechtigkeit und Verantwortung. Was eine Reform an neuem Vokabular mitbringt, wird zur nächsten Tugend und lässt die Grundannahmen unberührt.
Die Grafik unten zeigt diesen Kreislauf. Schaltest du auf «Colearning» um, wird sichtbar, was sich verändert, wenn eine Gemeinschaft diese Aufgaben nicht mehr stellt und Colearning zur Grundlage ihres Lernens macht. Das Konzept hat Marco Jakob gemeinsam mit der Colearning-Community in Bern aus jahrelanger Praxis entwickelt und im Colearning Framework ausgearbeitet.
Vier Begriffe beschreiben, wie die Schule in die Menschen hineinwirkt. Wähle einen Begriff, um ihn zu lesen.
Wer regelt wessen Verhalten?
Stellen Erwachsene die Regeln auf und setzen sie durch, arbeitet das Dispositiv Schule weiter, auch ohne Klassenzimmer.